Die Bundesrepublik in den 1960er Jahren: Unter der Schirmherrschaft des reaktionären Laienpredigers Paul Schäfer werden fast zweihundert Kinder ins chilenische Ausland entführt. Er gründet dort eine brutale Sekte, in der die betroffenen Kinder über Jahrzehnte sexuell und als Arbeitssklav*innen missbraucht werden — die Colonia Dignidad. Später geraten auch zahlreiche chilenische Kinder in die Fänge der klerikalfaschistischen Kolonie. Die Sekte stellt sich nach dem Putsch im Jahre 1973 auch in den Dienst der Pinochet-Diktatur. Gemeinsam mit dem Geheimdienst DINA werden hier chilenische Oppositionelle eingesperrt, gefoltert und getötet. Erst die allmähliche Demokratisierung Chiles schafft die Bedingungen, dem Ganzen in seiner Perfidität ein Ende zu setzen. Zurück bleiben hunderte Menschen, geprägt durch Betrug und Unterdrückung in unvergleichlichem Ausmaß.

Eine kritische Aufarbeitung der Geschehnisse hat bis heute weder in Chile noch in Deutschland stattgefunden. Neben einer institutionellen Ignoranz, welche die Mitschuld staatlicher Akteur*innen auf beiden Seiten des Atlantiks kaschieren soll, besteht in der Gesellschaft kaum Wissen über die menschenverachtenden Verhältnisse innerhalb der Sekte. Ebenfalls sind die meisten Täter*innen nach wie vor auf freiem Fuß. So auch Hartmut Hopp, ehemals leitender Arzt und Führungskader der Sekte, dessen Prozess, trotz einer Verurteilung in Chile, die aufgrund seiner Flucht nach Deutschland nicht vollstreckt werden konnte, vor wenigen Monaten in Krefeld eingestellt wurde. Dies erschütterte nicht nur die Überlebenden massiv, sondern verdeutlicht erneut das Desinteresse staatlicher Institutionen an einer umfassenden Aufarbeitung. Es verharmlost zugleich das verheerende Ausmaß der Gewalt innerhalb der Sekte, wie auch ihre Verquickung mit der faschistischen Diktatur Pinochets.

Im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe soll über die Strukturen, Verhältnisse und Taten innerhalb der christlich-fundamentalistischen Kolonie aufgeklärt und diese kritisch aufgearbeitet werden. Sie vereint die Erfahrungen Überlebender mit kritischen wissenschaftlichen Perspektiven und versucht dabei aktuelle Debatten um eine Aufarbeitung der Geschehnisse in den Blick zu nehmen. Das Ende der autoritären Herrschaft innerhalb der Kolonie kann nur einen Beginn der Aufklärung über ebendiese bedeuten. Diese Aufklärung ist notwendig um eine Gedenkkultur zu etablieren, die dem Leid der Ermordeten und der Überlebenden gerecht wird.

Bei dem Versuch die Ursachen zu verstehen, begnügen wir uns nicht mit einer Pathologisierung Paul Schäfers als pädophil-gewalttätigem Einzeltäter, welche in den meisten Diskursen als alleinige Ursache für das unbeschreibliche Leid gilt. Stattdessen sollen gerade die strukturell-gesellschaftlichen Bedingungen analysiert werden, die den Nährboden für solch patriarchale und autoritäre Auswüchse darstellen. Dieses Verständnis ist notwendig, um langfristig dem Ziel einer emanzipatorischen Gesellschaft näher zu kommen, in welcher jegliche Form struktureller Gewalt ausbleibt.

Die Veranstaltungsreihe wird organisiert von der AG Kritische Bildung des AStA der Leibniz Uni Hannover.
undefined kritische-bildung@asta-hannover.de
undefined AStA Uni Hannover

Das Projekt wird unterstützt durch das Autonome Feministische Kollektiv (AFK) Hannover, das Kulturzentrum Pavillon, den Basisdemokratischen Fachrat Sozialwissenschaften und den Fachrat Politik der Leibniz Universität Hannover.


Colonia Dignidad

Aufarbeitung eines deutschen Verbrechens in Chile

Auftaktveranstaltung

undefined Montag, 25.11.19 undefined 19 Uhr undefined Pavillon Hannover

Die Colonia Dignidad war eine deutsche Sektensiedlung in Chile. Sie begann nach dem zweiten Weltkrieg als unscheinbare christliche Sekte in Deutschland und entwickelte sich in Chile zu einem Lager, in dem Sklavenarbeit und sexueller Missbrauch herrschten. Nach dem Putsch der chilenischen Militärs 1973 wurde die Siedlung zu einem geheimen Folter- und Todeslager für dortige politische Gefangene.

Der Autor und Aktivist Dieter Maier versucht, diese Entwicklung, deren Spuren bis heute fortbestehen, nachzuzeichnen. Dabei wird der engen Draht der Kolonie zu der chilenischen Militärdiktatur, die bis heute politisch nachwirkt, beleuchtet, und auch auf die Mitschuld deutscher staatlicher Akteur*innen eingegangen. Zugleich wird ein erster Versuch unternommen, den repressiven Lebensalltag der Sektenmitglieder zu rekonstruieren, was im Laufe der Veranstaltungsreihe durch Berichte von Betroffenen veranschaulicht wird.


„Wir sind ganz andere Menschen“

Identitätskonstruktion nach Sozialisation in der totalitär-religiösen Gemeinschaft Colonia Dignidad

undefined Mittwoch, 27.11.19 undefined 19 Uhr undefined Elchkeller (Schneiderberg 50)

Wie verstehen sich die Menschen selbst, die unter den traumatisierenden und repressiven Bedingungen der Colonia Dignidad aufgewachsen sind? Dazu werden Interviewdaten aus einem Feldforschungsprojekt in der Sektengemeinschaft präsentiert und aus religionspsychologischer Perspektive analysiert. Der ambivalente Charakter von Religion wird dabei ebenso beleuchtet wie die individuellen Bewältigungsformen der Akteur*innen.

Ein Vortrag des Religionspsychologen und Psychotherapeuten Prof. Dr. Henning Freund.


Lesung: Lasst uns reden.

Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad

undefined Freitag, 29.11.19 undefined 19 Uhr undefined 14.OG Conti-Hochhaus

In ihrem Buch „Lasst uns reden – Frauenprotokolle aus der Colonia Dignidad“ macht sich Autorin Heike Rittel auf die Spur der Frauen in der ehemaligen christlich-totalitären Sekte , deren Schicksal kaum im Fokus der öffentlichen Betrachtung stand. Sie hat mit ihnen zusammen gelebt, Orte besucht, mit denen sie ihre Erinnerungen verknüpfen und dabei ihren Alltag und ihre Angehörigen kennengelernt.

Entstanden ist eine sensible Zusammenstellung von subjektiven weiblichen Betroffenenschicksalen, die einen differenzierteren Blick auf die verbrecherischen Geschehnisse vor Ort ermöglicht. Während bisher in Film und Literatur von den Betroffenen oft ein graues, gleichgeschaltetes und uniformiertes Bild gezeichnet wird, ermöglichen Rittels Frauenprotokolle einen Blick hinter die Fassade. Sichtbar werden sehr persönliche Schicksale mit ganz unterschiedlichen Überlebensstrategien und Formen der Vergangenheitsbewältigung.

Heike Rittel ließt gemeinsam mit den ehemaligen Sektenmitgliedern Edeltraut, deren Lebensgeschichte in den Frauenprotokollen verschriftlicht ist, und Michael Müller aus ihrem Buch vor. Edeltraut lebte seit ihrem 5. Lebensjahr in der Colonia Dignidad und Michael folgte mit 16 Jahren seiner Mutter von Deutschland nach Chile. Für beide gab es bis 2005 kein Zurück. Heute leben und arbeiten sie in Deutschland.


Sexualität, Macht und Geschlecht in der Colonia Dignidad.

Über sexuelle Gewalt als männliches Herrschaftsinstrument

undefined Dienstag, 03.12.19 undefined 19 Uhr undefined Pavillon Hannover

Neben Freiheitsberaubung, Sklaverei, Folter und religiös verbrämter Gehirnwäsche gehörten vor allem Vergewaltigungen und sexueller Missbrauch zum Sektenterror der Colonia Dignidad. Dabei handelt es sich nicht um sexualpathologische Abweichungen einzelner Sektenführer. Die hier erkennbare enge Verbindung von Lust und Macht, von Sexualität und Destruktivität gehört zu den strukturellen Merkmalen männlicher Herrschaftssicherung und damit allgemein zur Grundausstattung männlicher Subjektivität in Gesellschaften mit männlicher Dominanz und Vorherrschaft. Vor diesem Hintergrund muss die sexuelle Gewalt in der Colonia Dignidad als extreme Zuspitzung der weitgehend unveränderten hierarchischen Geschlechterverhältnisse gesehen werden.

Ein Vortrag des Sozialpsychologen Prof. Dr. Rolf Pohl, bis 2015 tätig am ehemaligen Institut für Soziologie und Sozialpsychologie der Leibniz Universität Hannover.


Abschlusspodium

undefined Mittwoch, 04.12.19 undefined 18:30 Uhr undefined Hörsaalgebäude LUH (Raum 005)

Um die unterschiedlichen Zugänge und Perspektiven, die im Rahmen der Veranstaltungsreihe behandelt wurden, zu einer gemeinsamen Konklusion zu bringen, wird eine abschließende Podiumsdiskussion stattfinden, an der Expert*innen verschiedener Forschungs- und Aufklärungsbereiche beteiligt sein werden.

Hierbei soll die unzureichende Aufarbeitung in Bezug auf die Verbrechen der christlich-totalitären Sekte reflektiert werden, um gemeinsam zu erarbeiten, welcher konkreten politischen Forderungen es bedarf. Dafür soll neben einer Bewertung staatlicher Maßnahmen der letzten Jahre und ausgehend von einer Auseinandersetzung mit der spezifischen Erinnerungskultur auch der Blick auf die gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse und Entwicklungen geschärft werden, welche die strukturellen Bedingungen solcher Verbrechen darstellen.

An dem Podium werden unter anderem Kultur- und Geschichtswissenschaftlerin Meike Dreckmann, Aktivist Jürgen Karwelat, Sozialpsychologe Dr. Sebastian Winter, sowie Vertreter*innen der „Not- und Interessengemeinschaft der Geschädigten der Colonia Dignidad“ teilnehmen.